Dessertteller mit Ansicht der Liebfrauen-Kirche zu Mainz

aus dem Besitz der Großfürstin Alexandra Feodorowna von Rußland,
Gemahlin des Großfürsten Nikolaus (ab 1825 Zar Nikolaus I.),
als Charlotte Prinzessin von Preussen, älteste Tochter des preussischen Königs
Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise

KPM Berlin 1823

Unter dem Boden gemarkt:
unterglasurblaues Szepter - aufglasurroter Strich
aufglasurrotbraune Dekorationsmalermarke (s.u. Abb. I)
mit schwarzer Schreibschift betitelt:
Liebe Frauen Kirche zu Mainz nach der Belagerung im Januar 1793 (s.u. Abb. II)

Durchmesser 25,7 cm
Porzellan mit polychromer Aufglasurmalerei, Vergoldung und Goldradierung

Form: glatt mit Perlrand Da bisher die frühesten bekannten Teller der Form "glatt mit Perlrand" mit dem rotbraunen Adler (1823 - 32 benutzt) als Malereimarke versehen waren, wurde der Zeitpunkt der Einführung dieser Form bei der KPM Berlin empirisch auf das Jahr 1823 oder wenig später festgelegt. Mit vorliegendem Teller und einem sehr ähnlich dekoriertem mit einer Ansicht des Gendarmenmarktes in Berlin (ebenfalls Ulrich Gronert Kunsthandel Berlin) muß dieser Zeitpunkt nun nach rückwärts verlagert werden. Da der rote resp. orangenfarbene Strich als Malereimarke zwischen ca. 1817 bis 1823 verwendet wurde, muß die Form also 1823 oder früher entwickelt worden sein.

Zwei berühmte Service mit Dessertellern dieser Form ( in Ergänzung der normalen Ausführung zusätzlich mit zwei mattvergoldeten Biskuitporzellanfriesen am Tellerrand und am Anstieg versehen) aus späterer Zeit sind bekannt:

1) Das Service zur Vermählung der preußischen Prinzessin
Marie mit dem bayerischen Kronprinzen Maximilian von
1842.

Das Service befindet sich heute vollständig in der Münchener Residenz.1)

2) Das Service für Alexandrine, Tochter des preußischen
Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise,
Erbgroßherzogin von Mecklenburg-Schwerin um 1840.

Aus diesem Service befinden sich heute nur noch wenige Teile im Museum Schwerin.
Auch der vorliegende Teller ist von höchster Provenienz. Die hervorragende Qualität der Malerei, deren farbige Zurückhaltung wie bei allen frühen Veduten bei der KPM Berlin an eine aquarellierte Grafik erinnern läßt, sowie die Goldradierung auf der Fahne und dem Anstieg, die von nobelster Feinheit ist, lassen auf einen königlichen Auftrag schliessen.

So finden wir die Teller als Teil eines 30 Desserteller umfassenden Geschenkes des preussischen Königs Friedrich Wilhelm III. an seine und der verstorbenen Königin Luise älteste Tochter Charlotte, die seit dem 1.7.1817 mit dem russischen Großfürsten, dem späteren Zaren Nikolaus I. verheiratet war.

Sie sind im "ContoBuch Sr: Majestät des Königs vom 1. Januar 1818 bis (12. Dezember 1850)", in dem alle Königsgeschenke aus der KPM Berlin mit Datum und fast immer mit Namen und Adresse des Beschenkten verzeichnet sind, unter dem Datum 17. April 1823 aufgeführt:

Die kaiserliche Hoheit Großfürstin Nikolaus in Sankt Petersburg
30 Perlenteller No.3 (Dessert) mit coul: Prospekten von Kirchn, die bords vergoldet und gravirt.
_______
1) Katharina Grundmann, Das KPM-Service für Maximilian II. in der Münchner
Residenz, in: KERAMOS / Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V.
Düsseldorf, Heft 125, Juli 1989, 11 f., Abb. 12/13 bis 27/28 und Farbtafel 1.

I
Zepter- und Malermarke
II
Titel der Darstellung